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Solitüde: Tabula rasa

Magazin November 2009

Der Saal auf der Solitüde ist definitiv Geschichte: Am letzten Tag des von der Stadt ausgesprochenen  Ultimatums hat ein Mitglied der Erbengemeinschaft Emil Speck selig, Ende August 2009 den Bagger auffahren lassen und den über 100jährigen Saalbau dem Erdboden gleichgemacht. Er kam damit den städtischen Baubehörden zuvor, die eine sogenannte Ersatzvornahme angekündigt hatten, falls die Eigentümerschaft nicht selber aktiv würde.

Ob es an dieser Stelle je wieder einen Saal oder einen Restaurationsbetrieb geben wird, steht in den Sternen geschrieben. Sowohl Bemühungen der Ortsbürgergemeinde wie auch des Quartiervereins für eine Übernahme des Betriebs respektive einen Wiederaufbau des Saals sind ohne Antwort geblieben. Auch zwischen den Erben scheint Funkstille zu herrschen.

Auf der Solitüde ist nun wieder der Dornröschenschlaf eingekehrt. Die Quartieranlässe sind nicht mehr erwünscht, dies wurde dem Quartierverein klar und unmissverständlich mitgeteilt. So musste bereits der Quartier-Christbaum weichen, und auch die Durchführung der Bundesfeier am traditionellen Standort ist in Frage gestellt.

Realersatz für die alte Gireizi?   

Fakten wurden auch geschaffen, was die beliebte Gireizi angeht: Nachdem die Schaukel bereits im Frühjahr abmontiert und zwischengelagert worden war - nach verschiedenen Vandalenakten verständlich -  , wurde nun die ganze Tragkonstruktion entfernt. Tabula rasa (laut Duden: rücksichtslos Ordnung schaffen) eben. Dem Vernehmen nach, ohne diese und weitere Aktionen mit den übrigen Angehörigen und Berechtigten der Erbengemeinschaft abzusprechen.

Quartiervereinspräsident Hannes Kundert denkt nun jedoch laut darüber nach, für die Schaukel Ersatz zu schaffen. Wenn er genügend Geld zusammenbringt, soll sie rekonstruiert und an einem anderen geeigneten Ort wieder aufgestellt werden. Auch wenn eine neue Schaukel vermutlich nicht mehr so schön knarren wird wie die alte, so wird sie doch den Kleinen Freude machen und die älteren Bewohner an die guten alten Zeiten auf der Solitüde erinnern.

Gruss von der Solitüde, Postkarte um 1900

Die Solitüde - Einsamkeit und Abgeschiedenheit

Quartierzitig April 2008

Von Ernst Ziegler

Der Fremde wundere sich vielleicht über die schönen Namen unserer Täler, schrieb Peter Scheitlin 1820 in seinen «Armenreisen », und «selbst unsere Berge tragen angenehme Namen»: Philosophental, Tal der Demut, Rosenberg, Freudenberg, Himmelberg. St. Gallen sei eben «viel ästhetischer als es scheint», meinte Scheitlin.

Menzlen          

Himmelberg, «Mons Caeli», nannte Johannes Kessler 1531 «ain berg, den wir nennen Mönzel». Scheitlin schrieb, auf dem sehr hohen, kegelförmigen Berg, «Menzeln genannt», werde «die schönste der Aussichten ins Gebürg gefunden».

Solitüde             

Und dann die «Solitüde», die Einsamkeit und Abgeschiedenheit: Nach Martin Arnet ist dies seit etwa 1800 die «naturschwärmerische Benennung dieser früher offensichtlich ziemlich weit abgelegenenen Kuppe am Menzlen». In einem Stadtführer von 1859 steht, auf die Solitüde führe ein bequemer Weg: «Bezüglich der Säntisansicht steht die Solitüde noch über dem Freudenberge. Sie ist niedriger als jener und entrollt auch keineswegs ein so umfassendes Rundgemälde, aber nach dem Appenzellergebirge öffnet sich hier eine Thalmulde, die den Alpstein viel freier und zusammenhängender überschauen lässt.»

Maler und Photographen

Hier oben war ein beliebter Standort für Zeichner, Maler und Photographen. Eine Bildlegende von 1828 meldet, die betreffende Stadtansicht sei «vom Menzelnberge (Solitüde), also von Südwest her, aufgefasst» und man habe «lieber die Lage der Stadt, als blos ihre Thürme und Häuser darstellen» wollen. Schon um 1795 war in der Kunsthandlung von Johann Peter Fehr in St. Gallen eine Ansicht der Stadt und ihrer Umgebung von Südwesten erschienen.Gruss von der Solitüde, Postkarte um 1900

Wirtschaft zur «Solitüde»

Von einer Wirtschaft «Solitüde» erfahren wir um 1860 noch nichts. Hingegen verzeichnet das Adressbuch von 1889 Joseph Gottlieb Kühne, Wirtschaft zur «Solitüde» in Hofstetten. Um diese Zeit wurde der charakteristische Saal angebaut, wo am Funkensonntag, während der Fasnachtstage, an Kafichränzli und Metzgete Hochbetrieb herrschte.

Diese Wirtschaft ist auf Ansichtskarten aus der Zeit um 1900 abgebildet mit einer grossen Gartenwirtschaft samt Fahnenmast und mehrplätziger «Gireizi».

Die Familie Speck           

1947 übernahmen Emil und Magdalena Speck Landwirtschaft und Restaurant «Solitüde». Im «Adressbuch der Stadt St. Gallen» von 1948 ist dann unter den Wirten «Frau Speck, «Solitüde», Solitüdenweg 15», eingetragen. Als die Familie Speck Ende Juni 1990 das Restaurant «Solitüde» aufgab, widmete Rosmarie Früh unter dem Titel «Abschied von der ‚Solitüde’» dieser traurigen Tatsache in der «Ostschweiz» einen feinfühligen «Nachruf»; sie schrieb u.a.:

"Nicht Phantasie, sondern leider harte Tatsache ist, dass sich heute mittag mein achtzigjähriger Vater mit recht traurigen Gefühlen zum letztenmal mit seinen Kollegen zum traditionellen Jassnachmittag auf der ‚Solitüde’ trifft. Gestern abend hat sich der Kirchenchor St. Otmar, der hier oben immer vor der Sommerpause zusammengekommen ist, verabschiedet. Vor der Haustür steht ein Blumenstock mit Schleife, ein Abschiedsgeschenk der ’Oberhofstettler’, die seit Bestehen der Siedlung im Saal ihre Probleme besprochen haben. (..)

Magdalena Speck verstand es, zuzuhören und abzuhören. Mit ihrem träfen Appenzeller Witz kommentierte sie lokale Ereignisse. Ebenso gut verstand sie es, eine heimelige Atmosphäre zu verbreiten. Die Gäste fühlten sich wohl, geborgen, waren daheim. Niemand schaute auf die Uhr, wenn welche stundenlang hinter ihrem Zweierli sassen. «Wir haben die Leute gern gehabt», sagt auch Emil Speck, der in den letzten Jahren gern mitgejasst hat, mitdiskutiert hat.».

Das Ende. Inserat in der Zeitung «Die Ostschweiz» am 29. Juni 1990.

 

 

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